Mein Verhältnis zu Marvels ikonischer Frauenheldin ist zugegebenermaßen nicht ganz frei von Störungen. Ich hab Carol Danvers eigentlich erst im Rahmen von Kelly Sue DeConnicks Run kennen- und schätzen gelernt, und auch die Miniserien mit Kelly Thompson als Co- bzw. Alleinautorin wirklich genossen. An der Spitze von Alpha Flight begann sie aber schon ein wenig, mir auf den Senkel zu gehen und mit ihrer Haltung während der Civil War II-Krise war der Charakter für mich eigentlich verbrannt. Dazu kam, dass ihr Charakter mehr und mehr von einem toxischen Feminismus geprägt schien, der sie mir mehr und mehr unsympathisch und damit nahezu der einzigen weiblichen Heldin machte, die ich nicht ausstehen konnte.
Wenn also nicht Kelly Thompson als Autorin der aktuellen Captain Marvel-Serie zeichnen würde, hätte ich vielleicht ganz meine Finger von der Reihe gelassen. Und so sehr ich Thompsons Comic-Reihen auch schätze, findet sich auch hier ein Widerhall der von mir kritisierten Dinge wieder. Ein erster Gegner, der geradezu das Paradebeispiel eines ekelhaften Sexisten darstellt, ein erneutes Aufeinandertreffen von Vorzeigemacho Tony Stark mit Carol (mal im Ernst, wenn man Carol um etwas bitten möchte, von dem man weiß, dass sie keine Lust drauf hat – hier ein Interview zur Imagepflege – dann schicken doch nur Vollidioten ausgerechnet die Person hin, zu der Carol aufgrund der jüngeren Geschichte ein extrem gespaltenes Verhältnis hat), und ach ja, unfähige männliche Avengers, die ratlos vor einer von einem maximal C-Schurken aufgebauten Barriere stehen, die sie in jeder anderen Serie mit Leichtigkeit durchbrechen würden: ich frag mich schon, warum man Carol Danvers nicht einfach als starke Frau darstellen kann, ohne dabei männerfeindliche Stereotypen zu verwenden. Geht mit den anderen Superheldinnen ja auch.
Aber damit genug der Nörgelei. Die sollte nämlich nicht die Stärken der Serie übertünchen. Davon gibt es nämlich reichlich. Nicht nur, das es Kelly Thompson wieder mal gelingt, ein tolles Frauenteam aufzustellen (Spider-Woman, She-Hulk. Echo und Hazmat – und auch ihre alte Nemesis Rogue wird noch eine wichtige Rolle spielen), wie immer versteht sie es meisterhaft, die Chemie zwischen den Charakteren darzustellen. Speziell Jessica und Carol machen gefühlt einfach da weiter, wo man sie beim letzten Mal zusammen gesehen hat. Dazu kommt natürlich einiges an lustigen Sticheleien (speziell Hazmat ist mir da ans Herz gewachsen) sowie jede Menge Action, die von Zeichnerin Carmen Canero und Coloristin Tamra Bonvillain sehr schön in Szene gesetzt werden. Die Handlung selbst ist zugegebenermaßen etwas hanebüchen, aber das stört mich bei den klassischen Marvel-Comics aus der Silber-Ära ja auch eher selten. Vielleicht muss man es einfach so sehen, als eine Anknüpfung an klassische Comics, bei denen nicht alles düster und grimmig sein musste und die Schurken nicht besonders komplex sein mussten, sondern ein völlig überzeichnetes Gimmick darstellen konnten.
Alles in allem also ein gelungener Schritt zurück zu der Carol, die ich gerne gelesen habe. Und wer weiß, vielleicht sorgt das (bei mir) anstehende War of the Realms-Event ja dafür, dass die Civil War II – Misere endgültig in Vergessenheit gerät.
Captain Marvel #1 erscheint am 28.01. im deutschen Handel und beinhaltet die ersten 5 Hefte der amerikanischen Vorlage.