[Rezension] Daniel Abraham – A Betrayal in Winter

A Betrayal in Winter ist der zweite Band aus Daniel Abrahams Long Price Quartet, auf Deutsch seinerzeit unter dem Serientitel „Die magischen Städte“ und dem Buchtitel „Winter des Verrats“ bei Blanvalet erschienen. Ich hab das Buch in der Ebook-Version von tor books gelesen, nachdem mir der erste Teil der Reihe, „A Shadow in Summer“, so gut gefallen hat, dass ich im Januar als erstes zum Nachfolgeband gegriffen habe.

Es liegt hier wieder ein mit 332 Seiten recht kurzer Roman vor, der einige Zeit nach den Geschehnissen des ersten Buchs ansetzt. Die Handlung wechselt aus der weit im Süden gelegenen Stadt Saraykeht weit nach Norden, in die Stadt Machi, in der der alte Khai erkrankt ist und quasi im Sterben liegt. Typischerweise wird die Thronfolge in den Städten der Khaiem dadurch geregelt, dass sich die Söhne des Khais gegenseitig umbringen und der letzte verbliebene Sohn die Thronfolge übernimmt. Diesmal aber scheinen die Söhne wenig willens, dieses tödliche Treiben zu beginnen. Als dennoch einer von ihnen gewaltsam ums Leben kommt, setzt das eine Kette von Ereignissen in Gang in die auch Otah, eine der Hauptfiguren des ersten Buchs und jüngster Sohn des Khai von Machi, ganz gegen seinen Willen verstrickt wird.

Gleichzeitig wird der Poet Maati, im ersten Buch ein Freund Otahs, der sich aber mit diesem wegen einer Frau entzweit hat, auf seine Spur gesetzt, um herauszufinden, ob dieser etwas mit dem Tod seines Bruders zu tun hat. Die Spur führt nach Machi, und die dort entstehenden Konfrontationen werden nicht nur über das Schicksal Otahs, sondern vielleicht sogar aller Städte der Khaiem mitentscheiden.

In vielerlei Hinsicht ähnelt die Struktur von A Betrayal in Winter dem ersten Teil der Serie. Sehr ruhig geschrieben, vermittelt Abraham dem Leser ein Gefühl der Melancholie und Tragik, wie sie auch sehr oft asiatischen Wuxia-Filmen (wie Tiger & Dragon) zugrunde liegen. Es gibt relativ wenig actionreiche Szenen (etwas mehr als in Teil 1 der Reihe), aber eine der Handlung zugrundeliegende Spannung, die den Leser in den Bann zieht Wieder gibt es einen Instigator der Ereignisse, die alles um sie herum in die Katastrophe zu ziehen drohen, und wie im ersten Teil tappen die Hauptpersonen für den größten Teil des Buches völlig im Dunkeln, wer der Strippenzieher ist, weil alleine der Verdacht völlig außerhalb ihrer Vorstellungskraft liegt. Und wie im ersten Teil ist der Leser sehr früh informiert, wer der Schuldige ist, und muss quasi ohnmächtig zusehen, wie die Ignoranz der Protagonisten eine frühe Lösung einfach nicht zulässt. Während man gleichzeitig nicht umhin kann, eine gewisse Empathie für den Übeltäter zu empfinden, der sich durch die Umstände zu seinem Handeln getrieben fühlt.

Auch die Themen, die bereits im ersten Teil angerissen werden, sind hier wieder zu erkennen. Da ist zum einen das Magiesystem, dass darauf beruht, dass die sogenannten Poeten einer abstrakten Idee eine konkrete Form verleihen und diese an sich binden, um damit magische Fähigkeiten zu erlangen. Die Andaten (die personifizierten Ideen) wiederum möchten allerdings nichts anderes, als wieder in ihren Ursprungszustand zurückzukehren, befinden sich also im Rahmen dieser Bindung im Zustand der Versklavung und müssen von den Poeten teilweise mit Gewalt an diese Stellung erinnert werden.

Und auch die Stellung der Frauen in der Khaiemschen Gesellschaft wird in diesem Band neuerlich diskutiert. Frauen spielen generell eine eher untergeordnete Rolle. Im ersten Band wurden nur drei davon namentlich genannt, von denen 2 eher als Plot Devices dienten, immerhin eine (die Buchhalterin Amat) eine sehr tragende Rolle spielte und gleichzeitig den stärksten Charakter darstellte, die tatsächlich eine eigene Agenda hatte und sich nicht einfach von den Ereignissen und männlichen Protagonisten hin- und herschubsen ließ.

Diese Thema kommt in Buch 2 nun in Gestalt der Prinzessin Idaan noch stärker zum tragen, von der nichts anderes erwartet wird, als zu repräsentieren und einen geeigneten Mann zu heiraten und damit politische Bindungen zu stärken. Um im schlimmsten Fall einfach wieder nach Hause geschickt zu werden, wenn der Mann stirbt und ihre Anwesenheit damit nicht mehr erforderlich ist. Ein Schicksal, mit dem die Prinzessin alles andere als einverstanden ist, und dem sie mit allen ihr möglichen Mitteln zu entkommen versucht.

Und dann gibt es natürlich noch einen äußeren Feind im expansionistischen Kriegerreich Galt, das bisher nur durch die Anwesenheit der Andaten daran gehindert wird, einfach in das Reich der Khaiem einzufallen.

Daniel Abraham erweist sich auch in A Betrayal in Winter als Meister der subtilen Spannung, zieht aber im Vergleich zum Vorgängerroman das Tempo etwas an. Die Ereignisse eskalieren etwas schneller, die Stakes speziell für Otah sind dieses Mal deutlich höher, und für einen längeren Zeitraum rätseln die Leser, wie das Ganze überhaupt gut ausgehen soll. Das Ende kommt nicht ganz überraschend, lässt aber vermuten, dass sich die politischen Vorgänge in den kommenden Bänden durchaus weiter zuspitzen werden. Fans schneller Action werden hier nicht auf ihre Kosten kommen, wer aber politische Intrige, untergründige Spannung und interessante Charakterbeziehungen, gesetzt in ein meisterlich gewebtes Setting mit asiatischem Flair genießen, kommt hier voll auf seine Kosten.

Persönlich kann ich es kaum abwarten, den nächsten Band zu lesen.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Bücher.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..