[Rezi]X-Men House of X /Power of X

[Kleiner Disclaimer zu Beginn: Im Moment versuche ich einfach nur, meine Schreibmuskeln wieder ins Laufen zu bringen. Idealerweise würde das in eine Wiederbelebung dieses Blogs münden, aber versprechen möchte ich zu diesem Zeitpunkt nichts, und ich benutze den Blog nur aus dem Gefühl heraus, dass es die Sache für mich etwas verbindlicher macht, als wenn ich im Stübchen was vor mich hinschreibe.]

Ich hab in meinem letzten Post darüber geschrieben, dass sich die Autoren der neuen Scarlet Witch-Serie nicht allzulange mit der Vergangenheit aufhalten. Aber natürlich gibt es auch dort den ein oder anderen Hinweis auf Ereignisse in anderen Romanen, und während ich diese Storyverlinkungen eigentlich liebe, senden sie mich unweigerlich in die Vergangenheit, um die entsprechenden Romane nachzulesen. Nun hat ja 2019 die Geschichte der X-Men (darum ging es in den entsprechenden Hinweisen) eine ganz neue Richtung genommen, als nämlich Jonathan Hickman das Ruder übernahm, und das X-Men-Universum komplett auf den Kopf stellte. Ich wollte das eh schon immer mal nachlesen, hatte auch schon damit begonnen, bis mich wieder mal andere Dinge davon ablenkten. Im folgenden ein Auszug aus einem bereits älteren, aber nie veröffentlichten Post, der sich mit dem Beginn dieser neuen Ära beschäftigte. Ich bin lesetechnisch schon etwas weiter, der Chronologie halber starte ich aber damit, und hoffe, mich im Laufe der Zeit auf einen neueren Stand zu bringen. Nach wie vor auf Basis der Originalromane über Marvel Unlimited, zumal leider nicht das komplette Programm in deutscher Übersetzung veröffentlicht wurde. Da wo möglich, werde ich natürlich auf die entsprechenden Romane verweisen.

„Und wo wir gerade beim Thema Lesen sind, ich hab mal wieder angefangen, Comics zu lesen, und auf der Suche nach einem guten Startpunkt bin ich bei Jonathan Hickmans Version der X-Men gelandet, die, wenn ich das richtig sehe, im Fandom für einiges Aufsehen gesorgt hat. Hickman hatte für Marvel bereits die Fantastischen Vier zu neuen Höhen geführt, um danach für die Avengers einen viel beachteten Run zu schreiben. Die Erwartungen waren also hoch. Und irgendwie hat er sie auch erfüllt.

Und ja, das klingt nicht ganz so positiv, wie ich ursprünglich mal gedacht hätte, über das Thema zu schreiben. Während Hickman nämlich durchaus seine ganzen Stärken in die Serie packt, hat er es gleichzeitig geschafft, dass ich mich zum ersten Mal in der Geschichte der X-Men eher auf die Seite der Menschen schlage, weil mir die Entwicklung der Mutanten absolut nicht behagt.

Jonathan Hickmans Run begann im Juli 2019 mit den beiden parallel laufenden Mini-Serien House of X und Powers of X, die den neuen Status Quo der X-Men beschrieben, gleichzeitig aber auch schon in eine sehr dystopische Zukunft hineinschauten. Dreh- und Angelpunkt der neuen Storyline ist Moira McTaggert, die einen jungen und noch sehr optimistisch-naiven Charles Xavier aufsucht, dem sie sich als Mutantin mit der Macht der Reinkarnation enthüllt, die ihre bisherigen Leben vergeblich damit verbracht hat, die Mutanten vor dem Niedergang bzw. der Auslöschung durch die Menschen zu bewahren. Sie schlägt daher einen völlig neuen Ansatz vor, dessen Umsetzung wir in House of X bewundern dürfen. Erstmals (?) treten hier die Mutanten aus einer Position der Stärke den Menschen gegenüber auf und zwingen bzw. erpressen sie dazu, die Mutanten als eigene Nation anzuerkennen. Was zunächst als eine Art Handel daherkommt (immerhin bieten die Mutanten im Gegenzug mehrere medizinische Wunderheilmittel an) wird aber immer offenkundiger zu einer Welt, in der die Mutanten die Regeln bestimmen bzw. die Regeln der anderen Nationen nur dann achten, wenn es ihnen in den Kram passt. Hickman ist dabei zu geschickt, um das ganze in plumpe Tyrannei ausarten zu lassen. Es sind immer noch die Menschen, die nicht mit den Kräften der Mutanten klarkommen und in diesen eine zu vernichtende Bedrohung sehen, was die Mutanten zur Gegenwehr zwingt. Der Unterschied liegt eher in den Details. Haben die X-Men früherer Zeiten auf Bedrohungen erst dann reagiert, wenn sie sich als direkter Angriff manifestierten, gehen sie nun deutlich proaktiver vor und zerstören die Bedrohung schon vorher. In diesem Falle eine Raumstation der Orchis-Organisation, eines Zusammenschluss verschiedener Organisation mit dem Ziel, die Machtübernahme der Mutanten auf der Erde zu verhindern. Gleichzeitig baut Hickman immer wieder atmosphärische Störungen ein; plötzlich wirkt Prof X eher wie ein mysteriöser Kultanführer, der zur Not über Leichen zu gehen bereit ist (die man ja dank eines genialen Hickmanschen Einfalls wieder ins Leben zurückbringen kann) und Magneto teilweise wie einen Schuljungen wirken lässt, plötzlich werden Storm und eigentlich alle anderen Mutanten zu blinden Anhängern der neuen Ausrichtung, ohne sich auch nur einmal die Frage zu stellen, ob man damit die Feindschaft der Gegenseite nur noch mehr anstachelt. Dass von Magneto über Mr. Sinister bis hin zu Apokalypse plötzlich alle Schurken der Mutantengeschichte gleichberechtigt mit am Ratstisch sitzen, macht die Sache auch nicht viel besser. Und hinterlässt – wahrscheinlich beabsichtigt – ein sehr ungutes Gefühl beim Leser, ob er dieser neuen Ausrichtung folgen möchte.

Gleichzeitig aber – und das wird in der Schwesterserie Powers of X mehr als deutlich – gibt es ja einen guten Grund für diese neue Entwicklung, denn alle bisherigen Versuche des friedlichen Zusammenlebens zwischen Homo Sapiens und Homo Superior sind ja daran gescheitert, dass alleine die Existenz der Mutanten die andere Seite dazu provoziert, ihre Vernichtung anzustreben. Hickman zeigt hier eine Entwicklung über 1000 Jahre auf, die den Erinnerungen McTaggerts entstammt und unweigerlich immer mit der Auslöschung der Mutanten endet. Stellt sich natürlich die Frage, ob die evolutionäre Weiterentwicklung, als die sich die Mutanten sehen, nicht in Wirklichkeit eine Sackgasse darstellt, aber dass sie sich nicht kampflos in ihr Schicksal ergeben wollen, ist durchaus nachvollziehbar.

Hickman wäre natürlich nicht Hickman, wenn er das ganze nicht um alle möglichen mysteriösen Settingelemente anreicherte, die man wahrscheinlich erst im weiteren Lauf verstehen wird. Ich verkneife mir hier Spekulationen, aber wer seine anderen Serien wegen dieser Elemente gemocht hat, wird auch hier wohl voll auf seine Kosten kommen. Jedenfalls stellen die beiden Miniserien, die zum besseren Verständnis unbedingt zusammengelesen werden sollten, einen vielversprechenden Neustart des X-Men- Universums dar, der im folgenden in sechs neuen Serien fortgesetzt wurde.“

Inzwischen ist ja so einiges passiert, insbesondere hat Jonathan Hickman seine Position als Chefvisionär der X-Men aufgegeben, da ich aber die neueren Entwicklungen kaum kenne, lasse ich das jetzt einfach mal unkommentiert so stehen. In deutscher Übersetzung erschienen die Romane zunächst in 4 Ausgaben, die jeweils 2 -4 Hefte zusammenfassten und daher in unterschiedlicher Länge daher kommen. Schöner im Regal steht wahrscheinlich die nach wie vor erhältliche Gesamtausgabe, die als Hardcover im Mai 21 erschien und alle 12 Romane umfasst.

[Rezi] Scarlet Witch 1

[Kleiner Disclaimer zu Beginn: Im Moment versuche ich einfach nur, meine Schreibmuskeln wieder ins Laufen zu bringen. Idealerweise würde das in eine Wiederbelebung dieses Blogs münden, aber versprechen möchte ich zu diesem Zeitpunkt nichts, und ich benutze den Blog nur aus dem Gefühl heraus, dass es die Sache für mich etwas verbindlicher macht, als wenn ich im Stübchen was vor mich hinschreibe.]

Scarlet Witch 1 (Panini Comics, VÖD 12.09.23)

Wanda Maximoff ist schon immer einer meiner Lieblingscharaktere aus dem Marvel Universum gewesen, nach der House of M – Storyline aber zunehmend in den Hintergrund getreten, und erst durch die Kinoleinwand wieder populärer geworden. Und jetzt hat sie endlich wieder eine eigene Serie, die seit Anfang des Jahres in den USA veröffentlicht wurde und nächsten Monat den deutschsprachigen Markt erreicht. Ich habe die im ersten Band erscheinenden Geschichten über Marvel Unlimited gelesen, kann also nur zur Story und den Zeichnungen sprechen, was mir aber völlig ausreicht, um die Serie bedenkenlos weiterzuempfehlen.

Steve Orlando versetzt meine Lieblingshexe zu Beginn nach Lotkill, New York, wo sie das Emporium, einen kleine magische Handlung für Bücher, alle möglichen Accessoires und gute Ratschläge eröffnet hat. Der Clou an diesem Magic Shop ist die Letzte Tür (the last door), ein magisches Portal, dass sich für alle Menschen (und, wie sich zeigen wird, andere Wesen) öffnet, die in hoffnungslosen Schwierigkeiten stecken. Diese Tür bestimmt auch die Struktur der Geschichte, denn wie man erwarten kann, kommt da immer wieder der Notfall der jeweiligen Ausgabe durch, was es dem Autor erlaubt, nach Belieben in sich abgeschlossene Geschichten zu erzählen. In der ersten Ausgabe ist das etwa Jarnette Chase, eine junge Frau, deren italienisches Heimatdorf Amatrice unter die Kontrolle des Corruptors Jackson Day (ein mir bis dato unbekannter C-Villain aus den 70ern) geraten ist. Diesem Schicksal entkam Jarnette nur durch ein Amulett, das aus einem unbekannten Material besteht, dass den Träger vor der Anwendung durch Magie beschützt.

Champion Viv Vision ist die nächste Besucherin. Sie wird von Alpträumen geplagt, deren Ursprung nicht in ihrer tragischen Familiengeschichte begründet ist, sondern die ihr aus der Dimension der Alpträume gesendet werden, was das Ganze zu einem Fall für Wanda macht. In der nächsten Story verschlägt es uns nach Sub-Atomica, ins Mikroversum, wo der Planet Tryfa kurz vor der völligen Eroberung durch die Nillans, ein agressives nomadisches Volk auf der Suche nach einer neuen Heimat steht.

Bisher habe ich vergessen zu erwähnen, dass Wanda einen neuen Sidekick hat, der den Fans des MCU allerdings aus den Thor-Filmen sowie der Serie Wanda:Vision gut bekannt sein sollte. Darcy Lewis betreut den Laden, wenn Wanda mal wieder unterwegs ist, und wie sich herausstellt, ist sie ebenfalls durch die Letzte Tür gekommen. Der Grund dafür bleibt allerdings zunächst ein Geheimnis, bis plötzlich Hippolyta (ja, genau die), die Anführerin der Bacchae auftaucht und Darcy als Mordverdächtige zu entführen versucht. Was die Scharlachhexe natürlich zu verhindern versucht.

Neben diesen Einzelepisoden geht es in dem Buch aber vor allem um Wandas persönliche Verbindungen in die Welt des Marvel-Universums. Ihr Bruder Pietro aka Quicksilver, ihre Halbschwester Polaris, ihre Tante, Mentorin und Antagonistin Agatha Harkness und sogar ein eigentlich im Moment als tot geltender (wenn ich es richtig verstanden habe) Vater (der mit den magnetischen Kräften) werden an verschiedenen Stellen in die Handlung eingeführt, was hoffentlich in der Zukunft zu einer stärkeren Integration der Scarlet Witch in die Marvel-Superheldenwelt führen wird, immerhin war sie mal ein Avenger. Ich liebe diese kleinen Szenen, die zeigen, dass Wanda nicht nur eine mächtige Hexe ist, sondern eben auch eine in diesem Universum tief verwurzelte Person, die nach langen Jahren voller Tragödien, Katastrophen und des Ausgestoßen sein nun wieder bereit scheint, ihren verdienten Platz in der Welt einzunehmen. Der Autor sei übrigens ausdrücklich dafür gelobt, dass er die Historie nicht gerade ignoriert, aber auch nicht zum Mittelpunkt der Handlung macht, was die Romane auch für Neuleser bzw, diejenigen, die Wanda vor allem aus den Filmen kennen, zu einem guten Einstiegspunkt macht.

Und wo ich gerade beim Loben bin, gebührt dieses auch und vor allem der Zeichnerin Sara Pichelli und Kolorist Matthew Wilson für ihre Darstellung der Scharlachroten Hexe, insbesondere auch im Hinblick auf ihre ethnische Herkunft,die in der Vergangenheit ziemlich oft komplett ignoriert wurde.

Band 1 der deutschen Ausgabe versammelt die ersten fünf Ausgaben der Heftserie sowie das Annual 2023 und stellt eine Art Bindeglied zwischen dem vorangegangenen Darkhold Event (Darkhold – das Buch des Bösen, Panini 2022) und dem nächsten Magischen Crossover-Event, Contest of Chaos (seit August über verschiedene Annuals in den USA erscheinend, in Deutschland also wohl eher nicht vor 24). Wie bereits gesagt für Fans der magischen Seite des MU und speziell für Freunde der Scharlachhexe, sehr zu empfehlen und auch ohne große Vorkenntnisse gut zu verstehen.

[WWoC] Captain Marvel #1

CM0119Mein Verhältnis zu Marvels ikonischer Frauenheldin ist zugegebenermaßen nicht ganz frei von Störungen. Ich hab Carol Danvers eigentlich erst im Rahmen von Kelly Sue DeConnicks Run kennen- und schätzen gelernt, und auch die Miniserien mit Kelly Thompson als Co- bzw. Alleinautorin wirklich genossen. An der Spitze von Alpha Flight begann sie aber schon ein wenig, mir auf den Senkel zu gehen und mit ihrer Haltung während der Civil War II-Krise war der Charakter für mich eigentlich verbrannt. Dazu kam, dass ihr Charakter mehr und mehr von einem toxischen Feminismus geprägt schien, der sie mir mehr und mehr unsympathisch und damit nahezu der einzigen weiblichen Heldin machte, die ich nicht ausstehen konnte.

Wenn also nicht Kelly Thompson als Autorin der aktuellen Captain Marvel-Serie zeichnen würde, hätte ich vielleicht ganz meine Finger von der Reihe gelassen. Und so sehr ich Thompsons Comic-Reihen auch schätze, findet sich auch hier ein Widerhall der von mir kritisierten Dinge wieder. Ein erster Gegner, der geradezu das Paradebeispiel eines ekelhaften Sexisten darstellt, ein erneutes Aufeinandertreffen von Vorzeigemacho Tony Stark mit Carol (mal im Ernst, wenn man Carol um etwas bitten möchte, von dem man weiß, dass sie keine Lust drauf hat – hier ein Interview zur Imagepflege – dann schicken doch nur Vollidioten ausgerechnet die Person hin, zu der Carol aufgrund der jüngeren Geschichte ein extrem gespaltenes Verhältnis hat), und ach ja, unfähige männliche Avengers, die ratlos vor einer von einem maximal C-Schurken aufgebauten Barriere stehen, die sie in jeder anderen Serie mit Leichtigkeit durchbrechen würden: ich frag mich schon, warum man Carol Danvers nicht einfach als starke Frau darstellen kann, ohne dabei männerfeindliche Stereotypen zu verwenden. Geht mit den anderen Superheldinnen ja auch.

Aber damit genug der Nörgelei. Die sollte nämlich nicht die Stärken der Serie übertünchen. Davon gibt es nämlich reichlich. Nicht nur, das es Kelly Thompson wieder mal gelingt, ein tolles Frauenteam aufzustellen (Spider-Woman, She-Hulk. Echo und Hazmat – und auch ihre alte Nemesis Rogue wird noch eine wichtige Rolle spielen), wie immer versteht sie es meisterhaft, die Chemie zwischen den Charakteren darzustellen. Speziell Jessica und Carol machen gefühlt einfach da weiter, wo man sie beim letzten Mal zusammen gesehen hat. Dazu kommt natürlich einiges an lustigen Sticheleien (speziell Hazmat ist mir da ans Herz gewachsen) sowie jede Menge Action, die von Zeichnerin Carmen Canero und Coloristin Tamra Bonvillain sehr schön in Szene gesetzt werden. Die Handlung selbst ist zugegebenermaßen etwas hanebüchen, aber das stört mich bei den klassischen Marvel-Comics aus der Silber-Ära ja auch eher selten. Vielleicht muss man es einfach so sehen, als eine Anknüpfung an klassische Comics, bei denen nicht alles düster und grimmig sein musste und die Schurken nicht besonders komplex sein mussten, sondern ein völlig überzeichnetes Gimmick darstellen konnten.

Alles in allem also ein gelungener Schritt zurück zu der Carol, die ich gerne gelesen habe. Und wer weiß, vielleicht sorgt das (bei mir) anstehende War of the Realms-Event ja dafür, dass die Civil War II – Misere endgültig in Vergessenheit gerät.

Captain Marvel #1 erscheint am 28.01. im deutschen Handel und beinhaltet die ersten 5 Hefte der amerikanischen Vorlage.

[WWoC]Miles Morales: Spider-Man 1 – Tagebuch eines jungen Helden

[Da ich die Romane über Marvel Unlimited gelesen habe, kann ich hier keine Aussage über die Übersetzungsqualität plus etwaige Extras der deutschen Ausgabe machen, sondern beschäftige mich nur mit dem Inhalt; dies gesagt sind meine jüngeren Erfahrungen mit den deutschen Ausgaben von Panini eher positiv]

DSMMMN001_minMiles Morales ist wohl der inzwischen bekannteste der neuen Garde junger Superhelden, die Marvel unter anderem auch deswegen entwickelte, um für mehr Diversität in ihrem Superheldenroster zu sorgen. Ursprünglich der Nachfolger des im Ultimate-Universum verstorbenen Peter Parker, erfreute sich der junge Afro-Latino sehr schnell großer Beliebtheit und wurde folgerichtig im Zuge der Universenvereinigenden Secret Wars Storyline ins neue Hauptuniversum gerettet. Ich kenne ihn persönlich nur aus seinen Anfängen und später Teilen der Champions-Reihe, bin also nicht über seine jüngere Entwicklung auf dem Laufenden. Der Neustart der Serie, deren erste 6 Romane seit Anfang Dezember im Sammelband „Miles Morales: Spider-Man 1 – Tagebuch eines jungen Helden“ in deutscher Übersetzung vorliegen ist daher Anlass genug, mal wieder in Brooklyn vorbeizuschauen.

Der Begriff Tagebuch ist dabei übrigens wörtlich zu nehmen, denn tatsächlich erleben wir die Abenteuer des jungen Webslingers über die Tagebucheinträge, die er als Hausaufgabe für seinen Schulkurs in Kreativem Schreiben verfasst. Womit gleich klar ist, dass Miles Privatleben in den Romanen ähnlich viel Aufmerksamkeit erhält wie sein Leben als Superheld. Kurz zusammengefasst: Seine Eltern wissen inzwischen über seine Doppelexistenz Bescheid (und sind mächtig stolz auf ihren Jungen), sein Onkel Aaron hat sich in der Zwischenzeit von einem Kleinkriminellen zu einem ausgewachsenen Superschurken gemausert, sein Freundeskreis besteht immer noch aus Ganke und Judge (plus seiner neuen Flamme Barbara), und er kämpft immer noch damit, die richtige Balance zwischen seinen beiden Identitäten zu finden. Soweit alles harmonisch also, bis er während eines Überfalls zufällig auf Rhino stößt, der ihm während der folgenden Prügelei deutlich seine Grenzen aufzeigt. Glücklicherweise ist Alexei hier aber gar nicht der Bösewicht, sondern auf der Suche nach seiner Nichte auf die Spur dieser Überfälle gelandet. Auch für Miles nimmt dieser Fall schnell eine persönliche Note an, als er herausfindet, dass auch Eduardo, der Cousin seiner Freundin, verschwunden und unfreiwillig Teil der Gangsterbande wurde. Spidey und Rhino tun sich also zusammen, um die wahren Übeltäter zur Rechenschaft zu ziehen, was ihnen schlussendlich mit tatkräftiger Unterstützung von Captain America auch gelingt. Dessen Auftreten hier sehr zufällig wirkt, aber da Miles und Steve seit der Civil War II-Storyline eine sehr spezielle Beziehung haben, nimmt man sein Auftauchen gerne hin.
Zeit für eine kleine Pause vom Superheldendasein: Miles lässt sich von Judge und Barbara dazu überreden, die Schule zu schwänzen um eine Hip Hop-Ausstellung zu besuchen. Der Zeitpunkt könnte aber nicht ungünstiger gewählt sein, da der Konrektor seiner Schule, Mr. Dutcher, eh schon davon überzeugt ist, dass Miles regelmäßig die Schule schwänzt, und sofort misstrauisch wird, als dieser sich plötzlich krank meldet. Auch der Weg zur Ausstellung zwingt Miles mehrfach, seine Kräfte einzusetzen, was speziell seine Freundin Barbara zusehends misstrauisch macht und für Konflikte in ihrer Beziehung sorgt, als sie ihn damit konfrontiert, dass er offensichtlich Geheimnisse vor ihr habe. Während dessen nimmt auch die Action wieder an Fahrt auf, da Tombstone und seine Gang offensichtlich beschlossen haben, die Macht auch in Brooklyn zu übernehmen und zu diesem Zweck einen vollausgewachsenen Gangwar anzetteln. Um das zu verhindern, tut Miles sich mit der mysteriösen Starling zusammen, die ebenfalls hinter Tombstone her ist, wenn auch aus sehr persönlichen und mordlüsternen Gründen. Ohne spoilern zu wollen, sorgt das am Ende für einen extrem coolen Showdown, bei dem Miles alles auf eine Karte setzen muss, um Starling vor sich selbst zu schützen.

Saladin Ahmed und Javier Garron ist hier ein extrem starker Neustart einer Serie gelungen. Ihnen gelingt es nahezu spielerisch, die beiden Seiten von Miles Existenz – Schüler und Superheld – auf eine Art und Weise zu verbinden, wie ältere Leser das von den frühen Peter Parker Comics her kennen. Dabei tauchen quasi alle typischen Spider-Man Trademarks auf (die Schwierigkeit der Balance von Privat- und Superheldenleben, die privaten Probleme, die sich aus der Superheldenexistenz ergeben, die quälenden Selbstzweifel, die große Verantwortlichkeit, die aus großer Macht erfolgt, aber auch die witzigen Dialoge im Kampf), die aber sehr geschickt mit dem sehr anders gestrickten Hintergrund des Hauptcharakters verbunden werden, so dass sich Miles nie wie eine reine Kopie von Peter Parker anfühlt. Damit gelingt es dem Autor, den Spider-Man-Mythos aus den Sechzigern in die Moderne zu transferieren und so eine zeitgenössische Ausgabe des Webslingers zu formen, die für jüngere Generationen wahrscheinlich viel besser als Identifikationsfigur dienen kann als die doch inzwischen sehr erwachsen gewordene Originalversion.
Auch scheuen Ahmed und Garron keineswegs davor zurück, ihren Protagonisten mehr als einmal Prügel einstecken zu lassen. Die Art und Weise, wie Miles Angriffe nahezu wirkungslos von Rhino abprallen, machen mehr als deutlich, wie sehr der junge Superheld noch am Anfang seiner Karriere steckt und wie wenig Erfahrung er noch besitzt. Auch dies ein Motiv, dass sich durch die Romane zieht. Natürlich ist Miles allen normalmenschlichen Gegnern deutlich überlegen, aber sobald der Gegner selbst über spezielle Kräfte verfügt, wird es für ihn schwierig. Aufgeben kommt allerdings auch für ihn nicht in Frage, und während er noch lernen muss, sich selbst zu vertrauen, ist seine Umwelt (zumindest teilweise) da schon deutlich weiter. Herrlich die Szene, als Cap America ihn fragt, wie es denn nun weitergehe, und sich damit fraglos seiner Autorität unterwirft, was Spidey nahezu in die Paralyse erschreckt. Was Steve wiederum dazu nutzt, Miles eine kleine Lektion im Superheldendasein zu geben.

Jedenfalls hat es der mir bis dato eher unbekannte Autor Saladin Ahmed geschafft, sich auf Anhieb weit oben in der Liste meiner Lieblingsautoren einzureihen, und ist es nach Lesen dieses Romane für mich alles andere als ein Wunder, dass er inzwischen auch als Hauptautor für die neue Ms.Marvel-Serie verantwortlich zeichnet. Dafür gibt es von mir eine dicke Leseempfehlung.

Ach ja, und Frohe Weihnachten 🙂