[WWoC]Miles Morales: Spider-Man 1 – Tagebuch eines jungen Helden

[Da ich die Romane über Marvel Unlimited gelesen habe, kann ich hier keine Aussage über die Übersetzungsqualität plus etwaige Extras der deutschen Ausgabe machen, sondern beschäftige mich nur mit dem Inhalt; dies gesagt sind meine jüngeren Erfahrungen mit den deutschen Ausgaben von Panini eher positiv]

DSMMMN001_minMiles Morales ist wohl der inzwischen bekannteste der neuen Garde junger Superhelden, die Marvel unter anderem auch deswegen entwickelte, um für mehr Diversität in ihrem Superheldenroster zu sorgen. Ursprünglich der Nachfolger des im Ultimate-Universum verstorbenen Peter Parker, erfreute sich der junge Afro-Latino sehr schnell großer Beliebtheit und wurde folgerichtig im Zuge der Universenvereinigenden Secret Wars Storyline ins neue Hauptuniversum gerettet. Ich kenne ihn persönlich nur aus seinen Anfängen und später Teilen der Champions-Reihe, bin also nicht über seine jüngere Entwicklung auf dem Laufenden. Der Neustart der Serie, deren erste 6 Romane seit Anfang Dezember im Sammelband „Miles Morales: Spider-Man 1 – Tagebuch eines jungen Helden“ in deutscher Übersetzung vorliegen ist daher Anlass genug, mal wieder in Brooklyn vorbeizuschauen.

Der Begriff Tagebuch ist dabei übrigens wörtlich zu nehmen, denn tatsächlich erleben wir die Abenteuer des jungen Webslingers über die Tagebucheinträge, die er als Hausaufgabe für seinen Schulkurs in Kreativem Schreiben verfasst. Womit gleich klar ist, dass Miles Privatleben in den Romanen ähnlich viel Aufmerksamkeit erhält wie sein Leben als Superheld. Kurz zusammengefasst: Seine Eltern wissen inzwischen über seine Doppelexistenz Bescheid (und sind mächtig stolz auf ihren Jungen), sein Onkel Aaron hat sich in der Zwischenzeit von einem Kleinkriminellen zu einem ausgewachsenen Superschurken gemausert, sein Freundeskreis besteht immer noch aus Ganke und Judge (plus seiner neuen Flamme Barbara), und er kämpft immer noch damit, die richtige Balance zwischen seinen beiden Identitäten zu finden. Soweit alles harmonisch also, bis er während eines Überfalls zufällig auf Rhino stößt, der ihm während der folgenden Prügelei deutlich seine Grenzen aufzeigt. Glücklicherweise ist Alexei hier aber gar nicht der Bösewicht, sondern auf der Suche nach seiner Nichte auf die Spur dieser Überfälle gelandet. Auch für Miles nimmt dieser Fall schnell eine persönliche Note an, als er herausfindet, dass auch Eduardo, der Cousin seiner Freundin, verschwunden und unfreiwillig Teil der Gangsterbande wurde. Spidey und Rhino tun sich also zusammen, um die wahren Übeltäter zur Rechenschaft zu ziehen, was ihnen schlussendlich mit tatkräftiger Unterstützung von Captain America auch gelingt. Dessen Auftreten hier sehr zufällig wirkt, aber da Miles und Steve seit der Civil War II-Storyline eine sehr spezielle Beziehung haben, nimmt man sein Auftauchen gerne hin.
Zeit für eine kleine Pause vom Superheldendasein: Miles lässt sich von Judge und Barbara dazu überreden, die Schule zu schwänzen um eine Hip Hop-Ausstellung zu besuchen. Der Zeitpunkt könnte aber nicht ungünstiger gewählt sein, da der Konrektor seiner Schule, Mr. Dutcher, eh schon davon überzeugt ist, dass Miles regelmäßig die Schule schwänzt, und sofort misstrauisch wird, als dieser sich plötzlich krank meldet. Auch der Weg zur Ausstellung zwingt Miles mehrfach, seine Kräfte einzusetzen, was speziell seine Freundin Barbara zusehends misstrauisch macht und für Konflikte in ihrer Beziehung sorgt, als sie ihn damit konfrontiert, dass er offensichtlich Geheimnisse vor ihr habe. Während dessen nimmt auch die Action wieder an Fahrt auf, da Tombstone und seine Gang offensichtlich beschlossen haben, die Macht auch in Brooklyn zu übernehmen und zu diesem Zweck einen vollausgewachsenen Gangwar anzetteln. Um das zu verhindern, tut Miles sich mit der mysteriösen Starling zusammen, die ebenfalls hinter Tombstone her ist, wenn auch aus sehr persönlichen und mordlüsternen Gründen. Ohne spoilern zu wollen, sorgt das am Ende für einen extrem coolen Showdown, bei dem Miles alles auf eine Karte setzen muss, um Starling vor sich selbst zu schützen.

Saladin Ahmed und Javier Garron ist hier ein extrem starker Neustart einer Serie gelungen. Ihnen gelingt es nahezu spielerisch, die beiden Seiten von Miles Existenz – Schüler und Superheld – auf eine Art und Weise zu verbinden, wie ältere Leser das von den frühen Peter Parker Comics her kennen. Dabei tauchen quasi alle typischen Spider-Man Trademarks auf (die Schwierigkeit der Balance von Privat- und Superheldenleben, die privaten Probleme, die sich aus der Superheldenexistenz ergeben, die quälenden Selbstzweifel, die große Verantwortlichkeit, die aus großer Macht erfolgt, aber auch die witzigen Dialoge im Kampf), die aber sehr geschickt mit dem sehr anders gestrickten Hintergrund des Hauptcharakters verbunden werden, so dass sich Miles nie wie eine reine Kopie von Peter Parker anfühlt. Damit gelingt es dem Autor, den Spider-Man-Mythos aus den Sechzigern in die Moderne zu transferieren und so eine zeitgenössische Ausgabe des Webslingers zu formen, die für jüngere Generationen wahrscheinlich viel besser als Identifikationsfigur dienen kann als die doch inzwischen sehr erwachsen gewordene Originalversion.
Auch scheuen Ahmed und Garron keineswegs davor zurück, ihren Protagonisten mehr als einmal Prügel einstecken zu lassen. Die Art und Weise, wie Miles Angriffe nahezu wirkungslos von Rhino abprallen, machen mehr als deutlich, wie sehr der junge Superheld noch am Anfang seiner Karriere steckt und wie wenig Erfahrung er noch besitzt. Auch dies ein Motiv, dass sich durch die Romane zieht. Natürlich ist Miles allen normalmenschlichen Gegnern deutlich überlegen, aber sobald der Gegner selbst über spezielle Kräfte verfügt, wird es für ihn schwierig. Aufgeben kommt allerdings auch für ihn nicht in Frage, und während er noch lernen muss, sich selbst zu vertrauen, ist seine Umwelt (zumindest teilweise) da schon deutlich weiter. Herrlich die Szene, als Cap America ihn fragt, wie es denn nun weitergehe, und sich damit fraglos seiner Autorität unterwirft, was Spidey nahezu in die Paralyse erschreckt. Was Steve wiederum dazu nutzt, Miles eine kleine Lektion im Superheldendasein zu geben.

Jedenfalls hat es der mir bis dato eher unbekannte Autor Saladin Ahmed geschafft, sich auf Anhieb weit oben in der Liste meiner Lieblingsautoren einzureihen, und ist es nach Lesen dieses Romane für mich alles andere als ein Wunder, dass er inzwischen auch als Hauptautor für die neue Ms.Marvel-Serie verantwortlich zeichnet. Dafür gibt es von mir eine dicke Leseempfehlung.

Ach ja, und Frohe Weihnachten 🙂